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Ich zeige das, was eigentlich nicht da ist

Altrip: Ronny Willersinn macht Scherenschnitte - Apokalypse als Thema - Illustration für Museen und Zauberer
 
Von unserer Mitarbeiterin
Mechthild Möbus
Das Wohnzimmer als Werkstatt, der Ohrensessel als Arbeitsplatz, die Schere als Handwerkszeug und Papier als Medium: In der Wohnung sitzt die 37-jährige Ronny Willersinn und schneidet einen Scherenschnitt. Mit Spie- lerischer Leichtigkeit schneiden die Finger flink die grob mit Blei- stift vorskizzierten Umrisse einer Tänzerin mit wehendem Tuch aus. Im Zusammenspiel mit Licht und Schatten wird die Tänzerin leben- dig. “Ich stelle Schatten dar. Ich zeige also das, was eigentlich nicht da ist”, erklärt Ronny Wil- lersinn ihre Kunst.
Die Welt der Schatten mit ihren Geheimnissen und Rätseln faszi- nierte Ronny Willersinn von Kin- desbeinen an, als sie ihre ersten Scherenschnitte in ihren Mär- chenbüchern betrachtete.
Jahre später - als Erwachsene - spürte sie, dass sie mit dieser “Schattenkunst” das Wesentli- che der Menschen, ihre Sorgen, Nöte und Freude durch den Schwarz- Weiß- Kontrast heraus- arbeiten kann - mit einer Kunst, in der alles Nebensächliche wegge- lassen ist, wo das Wesentliche hervortritt.
Meditative Werke zu Fragen des Menschseins zu schaffen mit einer uralten Kunst - das ist das Anliegen der Künstlerin Ronny Willersinn. Die Kunst der Schat- ten ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken ist ihr heute ein wichtiges Anliegen. Als Kind schnitt sie damals die Illustrationen ihrer Märchenbücher aus und sammel- te so erste Erfahrungen mit Schere
   

und Papier. Die Mappe aus Kin- dertagen geriet in Vergessenheit. Ronny Willersinn studierte Sozi- alpädagogik und arbeitete als Ge- meindediakonin. Hier stieß sie bei der Jugendarbeit auf die Pantomi- me, eine dem Scherenschnitt ver- wandte Kunst. Aber erst Jahre später, nach Heirat und Umzug, geriet ihr wieder die Mappe in die Hände. Von ihrem damaligen Mann ermuntert, legte sie wieder los, diesmal mit eigenen Entwür- fen aus ihrem “inneren Erleben”. Auch in Kriesenzeiten, die folg- ten, schnitt sie Scherenschnitte aus. Die Kunst wurde ihr Thera- pie: Sie konnte “Dinge loswer- den”.
Ab der ersten Ausstellung 1993 folgte jedes Jahr ein neuer Zyklus. “Die Begegnung mit interes- sierten Menschen” in ihren Ausstellungen empfindet sie seit dem als “Bestärkung” ihrer Arbeit. “Was ich erlebe, was ich ausdrük- ken möchte, was meine Fragen in der Welt sind” - ihre Botschaften kommen bei den Ausstellungsbe- suchern an und motivieren Ronny Willersinn weiterzumachen. Als Sozialpädagogin kennt sie auch die rauhen Seiten des Lebens. Die Idylle der Scherenschnittgruss- karten der 50er Jahre ist nicht ihre Welt. 1995 wählte sie die Apokalypse als Thema für ihren Zyklus. Er wurde im Rahmen eines internationalen Scheren- schnitt- und Schattenspielfes- tivals in Stuttgart aufgestellt. Bei dem Festival trifft Ronny Willer- sinn andere Künstler ihrer Zunft, alle erstaunt, nicht allein zu sein, erzählt die 37jährige rückblickend.

 
Zeigt das Zusammenspiel von Licht und Schatten: die Altriper
Künstlerin Ronny Willersinn - Foto: Lenz  
Im gleichen Jahr gründete sie mit sechs weiteren Mitgliedern den ersten Scherenschnittverein, der heute, vier Jahre später, auf rund dreihundert Mitglieder angewa- chsen ist. Eine Idee der damaligen Gründungsmitglieder, eine Geschi- chte der Scherenschnittkunst herauszugeben, wartet dagegen noch auf seine Verwirklichung und einen eifrigen Forscher. Heute kann die Mutter von zwei Kindern mit einer Halbtagsstelle als Sozialpädagogin nicht über Aufträge klagen. Abends, wenn die Kinder im Bett sind, sitzt sie in ihrem Ohrensessel und schneidet. Vor kurzem hat sie das Besucher- handbuch für das Handwerkermu- seum in Freinsheim illustriert. Zur Zeit arbeitet sie für einen Zauberer aus Lüneburg, der Artikel für diverse Zauberzeitschriften
 
schreibt und händeringend wir- kungsvolle Illustrationen dazu sucht. Zunächst nahm sie den Auftrag gern an, merkte jedoch bald, dass es schwierig war, mit den schwarz-weißen Scheren- schnitten einen ohnehin in schwarzem Frack und Zylinder gekleideten Herrn darzu stellen. Aber nachdem der Zauberer nicht locker ließ und immer wieder nachfragte, zeichnete Ronny Wil- lersinn mit Bleistift unzählige Ent- würfe von Kaninchen, Karten- tricks und Koffern und Zauber- requisiten. Der Zauberer war von den ersten Arbeiten so begeistert, dass er sich dafür einsetzte, Ronny Willersinn eine Einladung zu einem Zaubererkongress nach Wien zu verschaffen, wo sie ihre Arbeiten einem breiten Publikum vorstellen kann.

15.12.1999 / Mit freundlicher Genehmigung der RHEINPFALZ Ludwigshafen
 

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